Arbeitsterror
Der Mythos der schlaflosen Nacht

Der Mythos der schlaflosen Nacht

Anne-Sophie Skarabis
5/1/2021
Arbeitsterror

Arbeiten, ständig auf Abruf sein, nie schlafen und der Konsum von Unmengen an Kaffee. Das Leben einer hippen Jungunternehmerin wie es im Buche steht und doch entspricht es kaum der Realität. Arbeit kann schön sein, aber sie ist nicht alles.

Immer wieder hört man von UnternehmerInnen, die ihre Nächte damit verbringen, zu arbeiten, den Schlaf hintenanstellen und sich ganz ihrer Arbeit widmen. Die völlige Hingabe zur eigenen Arbeit, eine To-Do-Liste, die, dem Pferd von Troja gleichend, mit jeder Aufgabe hundert weitere mit sich bringt und ein Schlafrhythmus, der schwieriger zu finden ist als die Nadel im Heuhaufen, scheinen dazuzugehören. Hattest du keine schlaflosen Nächte, so fehlt dir offenbar die Startup Erfahrung.

Persönlich kann ich nicht von mir behaupten, je selber in der Gründungsphase einer Unternehmung dabei gewesen zu sein, der damit verbundenen Bürokratie konnte ich somit stets fernbleiben. Dennoch habe ich das Glück, dass ich selber bereits einige Projekte auf die Beine stellen durfte, in die ich mein ganzes Herzblut und viel Arbeit steckte. Es waren tolle Projekte und lehrreiche Erfahrungen. Die schlaflosen Nächte blieben somit auch mir nicht fremd. Den hochgepriesenen Reiz darin sehe ich allerdings bis heute nicht und ich glaube ehrlich, dass sich schlaflose Nächte in den meisten Fällen, hätte ich meine Zeit besser eingeteilt, hätten vermeiden lassen.

Die schönste Zeit verpasst?

Natürlich braucht es, um ein Unternehmen aufzubauen oder ein Projekt auf die Beine zu stellen, Ehrgeiz und die Fähigkeit, am Ball zu bleiben. Vielleicht wird man mal eine Nacht nicht schlafen, weil man zu sehr in der Euphorie der eigenen Idee gefangen ist, weiter machen möchte und die Uhrzeit vergisst. Es wird auch Tage geben, an denen einen die Bürokratie auffrisst oder man einen Termin einhalten muss, wodurch der Schlaf nebensächlich wird. Doch ob man nun aus Freude oder aus Zwang auf den Schlaf verzichtet, beides sollten Ausnahmefälle bleiben. Zwar lassen viele Stimmen verlauten, dass die schlaflosen Nächte zur Startup-Erfahrung genauso dazugehören, wie das Unterschreiben von Dokumenten, indem man jedoch auf menschliche Grundbedürfnisse verzichtet, verpasst man es, eine Situation in ihrer Gänze wahrzunehmen. Das eigene Unternehmen zu gründen, ist eine aufregende Zeit, eine Erfahrung, die viele nur einmal machen. Man traut sich, einen grossen Schritt zu machen, geht ein Risiko ein und wagt sich in einen Beruf, den man sich wirklich wünscht und den einem keine Arbeitgeberin sonst hätte bieten können. Es wäre schade, diese Erfahrung nur passiv erleben zu können, weil das eigene Gehirn von Stress und Mangelerscheinungen vernebelt ist.

Vor dem Abgrund

Jeder Körper ist anders. Es mag sein, dass manche resistenter sind als andere, doch gibt es keinen Standard, an den man sich halten sollte. Ganz ehrlich, so verwerflich ist das nicht. Wir sind keine Maschinen und nicht darauf ausgerichtet, ständig 100% geben zu können und auf Abruf parat zu sein. Doch wer gesteht sich das schon ein? Ausgelaugt zu sein und mal eine Pause zu brauchen, wird als Schwäche aufgefasst, die man sich nicht gerne eingesteht. Schlaflose Nächte hingegen und Arbeitstage von mindestens 16 Stunden sind hip, gerade in der Startup-Szene. Man rühmt sich damit, wochenlang kaum geschlafen und sich zu Tode geschuftet zu haben, erntet gerne das Wow und das Ah von den Menschen um sich herum, bis man sich krankmelden muss oder gehetzt in die nächsten Ferien hineinstolpert, die man so dringend gebraucht hat, weil der Körper irgendwann alle Riegel vorschiebt und dem Rausch ein Ende bereitet. Man endet an einem Punkt, an dem man nicht mehr kann, an dem man ausgebrannt am Rande eine Klippe steht und wankt. Manche können sich noch fangen, doch viele fallen und sich von diesem Sturz zu erholen und die Felsen wieder hinauf zu klettern, ist Tausende Male anstrengender als der Fall.

Wie produktiv war ich wirklich?

Es stellt sich auch die Frage nach der tatsächlichen Produktivität, wenn man die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Arbeit kann grossartig sein. Wenn man Glück hat, findet man eine Beschäftigung, die einen erfüllt und auf die man sich am Vorabend freut. Doch füllt Arbeit stets nur einen Teil des eigenen Lebens, die anderen Teile bleiben, priorisiert man die Arbeit ohne Wenn und Aber, unerfüllt. Ruft man sich die Bedürfnispyramide nach Maslow in Gedanken, so zeigt auch diese, dass die Selbstverwirklichung an der Spitze  steht. Um diese zu erreichen, müssen Grundbedürfnisse erfüllt sein. Nahrung, Schlaf und auch die Beziehung zu unseren Mitmenschen haben Vorrang.

Bedürfnispyramide nach Maslow

Verweigert man seinem Körper Schlaf und verzichtet auf eine regelmässige Nahrungszufuhr, so ist dies keine Leistung und auch kein Beweis dafür, wie viel einem an der eigenen Arbeit liegt oder wie leistungsfähig man ist. Natürlich kann man der Arbeit auch in schlaflosen Nächten nachkommen, doch hält ein Körper diese Verhaltensmuster nicht lange durch, er wird müde und langsamer. Für die Arbeit, die man in einem fitten Zustand innert einer Stunde bewältigen konnte, braucht man nun vielleicht doppelt so lang. Man hätte also auch eine Stunde länger schlafen oder sich eine gute Mahlzeit zubereiten können.

Der Cashflow fehlt

Ein grosses Problem mag die Mentalität sein, die die meisten UnternehmerInnen umgibt. Man möchte sich beweisen, ist ehrgeizig und liebt es, die eigenen Fortschritte zu beobachten und zu sehen, was man durch Eigeninitiative und eigenes Handwerk alles erreichen kann. Ehrgeizige Menschen messen sich gern, doch wie misst man den eigenen Erfolg in der Gründungsphase, in der man sich noch nicht auf Erfolgsrechnungen und Cashflows stützen kann? Es ist schwierig, oft zweifelt man  und fragt sich, ob das, was man leistet, genug ist. In solchen Situationen ist es einfach, sich zu fragen, wann man das letzte Mal gegessen hat oder wie viele Stunden Schlaf man bekommen hat. Wenn man nicht gegessen oder geschlafen hat, so wird man wohl gearbeitet haben, und so werden Schlaf und Nahrungszufuhr zu einem Mass für die eigene Produktivität. Unabhängig davon, ob man in dieser Zeit nun effizient genutzt hat oder nicht.

Die Wirkwunder einer realistischen Deadline

Es ist zudem fraglich, wie man überhaupt in eine Situation kommt, in der ein Projekt nur durch Schlafmangel zu bewältigen ist. Niemand ausser man selbst setzt sich derlei unrealistische Ziele, dass man während eines längeren Zeitraums nur zu vier oder fünf Stunden Schlaf kommt. Entweder lag also ein Fehler in der eigenen Zielsetzung vor oder man hat sich seine Zeit komplett falsch eingeteilt und die Prioritäten an falschen Orten gesetzt.

Von Ehrgeiz und dem Verlangen, Ergebnisse zu sehen ist es auch kein grosser Schritt mehr zur Selbstüberschätzung, teils der eigenen Fähigkeiten, aber zumeist der eigenen Kapazitäten. Vermutlich ist man in Besitz der Fähigkeiten, die es braucht, um das gesetzte Ziel zu erreichen, aber normalerweise verlaufen Arbeiten nicht am Schnürchen. Dinge kommen dazwischen, das Leben ausserhalb der Arbeit ruft, man stösst auf Komplikationen, die man nicht erwartet hat. So ist es oft nicht ein Tag, sondern eine Woche, die es braucht, um eine Arbeit gut zu erledigen. Dies ist kein Zeichen von Unfähigkeit, sondern pure Realität. Sich Deadlines und klare Ziele zu setzen, ist wichtig, um zu wissen, welche Aufgaben man verfolgt, doch sollte man im Rahmen des Möglichen handeln. Die Deadline immer ein kleines bisschen hinauszuzögern, weil man realisiert, dass man nicht genug Zeit hat, erhöht das Stresslevel viel stärker, als wenn man sich von Anfang an eine realistische Deadline setzt. In diesem Fall ist es aber wichtig, die Zeit auch ernst zu nehmen und sich die Arbeit in Portionen einzuteilen, damit man schlussendlich nicht die ganze Arbeit in der letzten Nacht verrichten muss. Gelingt einem dies, so wird man viel eher Zeit aufbringen können, um eine gesunde Work-Life-Balance aufzubauen.

Der Verlust, der keiner ist

Es mag sein, dass man etwas langsamer ist, wenn man auf seine Grundbedürfnisse achtet und die Arbeit nicht zum einzigen zählenden Faktor im Leben macht, doch ist der «Produktivitätsverlust» meines Erachtens kein Verlust. Meist ist die verlorene Zeit unbedeutend klein und der Gewinn für das eigene Leben unvergleichbar gross. Es mag Ausnahmen geben, Menschen, die mit viel mehr klarkommen und für die das Leben in Extremen genau das Richtige ist. Diese Menschen sollen ihren Weg gehen, doch ist es ist nicht der einzige Weg, um ein eigenes Projekt Wirklichkeit werden zu lassen. Hingabe, Zielsetzung und Durchhaltevermögen sind von Bedeutung, um ein Projekt zum Laufen zu bringen. Wie viel man schläft nicht.