Vision 2030
Das reichste Land der Welt gründet nicht!
Wir brauchen kritisches Denken!
Ein Tick zu viel Information

Ein Tick zu viel Information

Anne-Sophie Skarabis
29/12/2020
Vision 2030

Immer mehr Daten werden produziert und die Welt der Informationen quillt über. Direkt in der Schusslinie stehen wir Menschen. Von allen Seiten werden wir mit Informationen und Nachrichten überschüttet und auszumachen, wem wir unsere Aufmerksamkeit schenken sollen, wird äusserst schwierig. Was es mit dem Informationsüberfluss auf sich hat.

Durchschnittlich verbringen Menschen täglich zwischen 58 und 96 Minuten mit dem Konsum von News – je höher der Bildungsstand, desto mehr Zeit wird investiert. Wir betrachten diese Zeit als Investition in unser Wissen und dennoch sollten wir uns gegenüber ehrlich sein und uns eine Frage stellen, die wir gerne aussen vor lassen: Wann hat uns der Konsum von News jemals tatsächlich weitergeholfen? Was ist von den Tausenden Nachrichten, die uns im Laufe der letzten Jahre zu Ohren gekommen sind, überhaupt geblieben und wann hatten News jemals einen signifikanten Einfluss auf unser Leben?

So ungern wir es auch zugeben möchten, so betrüblich ist die Antwort auf diese Frage. Meistens erinnern wir uns an höchstens eine Handvoll Ereignisse pro Jahr. Bei der Menge an News, mit der wir jeden Tag konfrontiert werden und die uns, seit wir alle unsere Smartphones in der Tasche mit umhertragen, sogar bis ins Bett verfolgen, ist dies durchaus bedauerlich. Informationen sind längst keine Mangelware mehr, Aufmerksamkeit hingegen schon und dennoch verschwenden wir sie bereitwillig.

Bereits der US-amerikanische Science-Fiction Autor Theodore Sturgeon, der seinen Höhenflug in den 1960er- und 70er-Jahren erlebte, behauptete, dass neunzig Prozent von dem, was publiziert wird, Schrott sei. Diese Aussage, die heute auch als Sturgeon-Gesetz bekannt ist, spiegelt recht gut wider, was draussen in der Medienwelt passiert. Während manche Medienhäuser noch versuchen, News so zu verpacken, dass sie uns wenigstens zu etwas informierteren Menschen machen, und von Gipfeltreffen, Politentscheidungen, technologischen Errungenschaften und Protestaktionen berichten, machen sich andere nicht mal mehr diese Mühe. Funktionieren tun sie dennoch: Sogenannte «Gratisblättli» können mit Berichten über ein Pferd, das sich ständig totstellt, wenn es geritten werden soll, oder eine Kuh, die nach einem Unfall mit einem Dacia flüchtet, vielfach eine grössere Leserschaft mobilisieren als jene Publikationsstätten, die noch das Siegel des Qualitätsjournalismus tragen.

Während man über den Informationsgehalt letzterer Neuigkeiten wohl kaum streiten muss, ist die Diskussion um die «hochstehenden qualitätsjournalistischen» Neuigkeiten sehr viel grösser. Immer wieder fällt das Argument, dass man wissen müsse, was auf der Welt um einen herum passiert. Doch weiss man das durch diese dreiminütigen Neuigkeiten wirklich? Und ist solch oberflächliches Wissen die eingesetzte Zeit – rechnet man die Zeit, die wir pro Tag mit dem Newskonsum verbringen, auf ein Jahr hoch, so kommt man auf einen ganzen Monat – überhaupt wert?

Die Welt ist komplex und alles zu verstehen, ist schlichtweg unmöglich. Dennoch haben viele das Gefühl, sie wüssten alles, schliesslich haben sie ja einst davon in den Nachrichten gehört. Hier wirken zweierlei Dinge problematisch: Zum einen wäre da das Phänomen der Overconfidence. Man glaubt, man wisse alles und weiss gleichzeitig doch nur äusserst wenig. Als Folge dessen verliert man sich auf dem eigenen Mount Stupid, auf dem man zu glauben beginnt, man sei exzellent informiert und über alles durchaus im Bilde, während eigentlich das Gegenteil der Fall ist. Zum anderen ist da die Affektheuristik. Hierbei handelt es sich um eine Entscheidungsstrategie, bei der die Entscheidung in erster Linie den Gefühlen folgt. Unser erster Instinkt sorgt somit dafür, dass wir eine Sache wie einen eindimensionalen Affekt bewerten und ihr dementsprechend nur zwei Ausprägungen zuschreiben: in den meisten Fällen positiv oder negativ. Da wir bei der Kürze vieler News gar keine Zeit haben, mehr als eine Positiv-negativ-Wertung zustande zu bringen und wir zumeist auch nicht bereit sind, mehr Zeit in ein Thema zu investieren, um dieses kritisch zu hinterfragen, ist das Resultat eine Menge von Möchtegernmeinungen basierend auf Möchtegernwissen. Bereit, eine Sache einfach sein zu lassen, sind wir auch nicht, denn das Allwissendsein reizt uns, auch wenn es mehr Schein als Sein ist.

Als wäre all dies nicht genug, haben News auch einen beträchtlichen Einfluss auf unsere Psyche. Um möglichst profitabel zu sein, reisst sich die Aufmerksamkeitsindustrie nur so um die bahnbrechendsten Stories, wobei es ihr oft recht egal ist, wie wahr die Dinge sind, die sie publiziert. Fake News sind kein unbekanntes Phänomen mehr und mit dem Aufkommen von künstlichen Intelligenzen, die in der Lage sind, solche Nachrichten zu verfassen, besteht das Potenzial der ununterbrochenen Produktion von Informationen. Oft haben diese Nachrichten, die einzig und allein darauf abzielen, mit prägnanten Schlagzeilen und nervenaufreibenden Titelbildern möglichst viele LeserInnen für sich zu gewinnen, einen direkten Einfluss auf unser Stresslevel. Dies kann zu Stresszuständen, aggressivem Verhalten und sogar posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Des Weiteren können News auch zu Aufmerksamkeitsstörungen führen: Wenn wir ständig nur äusserst kurze Texte lesen, dann führt dies zwangsläufig dazu, dass wir die nötige Konzentration, die benötigt wird, wenn wir uns längeren Dingen widmen wollen, nicht mehr aufbringen können.

Diese Willenskrafterschöpfung könnte wohl das schwerwiegendste aller Probleme sein. Denn haben wir die anderen einmal erkannt und eingesehen, dass wir vom Wunschtraum des Genieseins abkommen und beginnen sollten, uns auf unseren Kompetenzkreis zu fokussieren, wird uns unsere Unkonzentriertheit zum Verhängnis. Als Kompetenzkreis beschreibt der US-amerikanische Investor Warren Buffet das, was man mit Meisterschaft beherrscht und worin man die eigene Energie investieren sollte. Alles, was ausserhalb liegt, beherrscht man nur zum Teil oder gar nicht. Um unser Wissen nun wirklich zu vertiefen, ist die Lektüre von längeren Texten, sprich Büchern oder Essays, sowie das Schauen von Dokumentationen oder Vorträgen essenziell. Dies erfordert jedoch Aufmerksamkeit, Zeit und Konzentration. Viele Menschen lesen inzwischen lieber etliche kurze als einen langen Text, auch wenn der zeitliche Aufwand gleich ist. Damit eine Information den Weg aus unserem Arbeitsgedächtnis über ein Nadelöhr im Gehirn hin zum Langzeitgedächtnis findet, ist Zeit erforderlich. So sollte man sich zum Beispiel mindestens zehn Minuten am Stück der Lektüre eines Buches widmen, damit etwas hängen bleibt.

Es ist wichtig, uns vor Augen zu führen, was für unser Leben wirklich relevant ist. News bringen solche Informationen zumeist nicht an uns heran. In vielen Fällen bereichern weder das Leben der Promis noch Inhalte einer Nachrichtensendung oder unser Social Media Feed unser Leben. Vielmehr steigen sie uns zu Kopfe und sorgen für Selbstzweifel, Aufmerksamkeitsstörungen und einen Produktivitätsverlust und so sollten wir uns eher auf die Dinge konzentrieren, die uns wirklich betreffen. Der Schweizer Autor Rolf Dobelli rät in seinem Buch «Die Kunst des digitalen Lebens» zum Beispiel dazu, sich seine persönliche Tagesschau zusammenzustellen. Ganz andere Dinge wären hier wichtig. Um sich zu unterhalten könnte man auf ein gutes Buch oder einen Film zurückgreifen und Zeit mit Freunden und Familie verbringen, die man sowieso viel zu selten sieht. Gibt es dann doch mal eine Nachricht, die wirklich wichtig ist, so wird man diese früh genug erfahren. Von der Coronapandemie dieses Jahr hätte man zum Beispiel auch erfahren, wenn man nicht ständig notorisch die Nachrichten auf seinem Handy abgecheckt hätte. Vielmehr haben diese Kurznachrichten bei vielen Menschen zu Fehlinformationen geführt, was eine Spaltung in der Gesellschaft mit sich brachte und einem Haufen VerschwörungstheoretikerInnen den Weg ebnete.  
Sich Sorgen machen, dass man aufgrund des Verzichtes auf News plötzlich als unwissender Dummerling dasteht, sollte man sich also nicht. Laut Dobelli muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass man, wäre der Erddurchmesser doppelt so gross, sich die Erdoberfläche also vervierfachen würde, mit Sicherheit nicht vier Mal so viel Zeit in den Konsum von News investieren würde. Und so stellt sich erneut die Frage: Wie wichtig ist das, was wir durch Kurznachrichten erfahren wirklich?