Accessible Design
Was ist Accessible Design?
Einführung ins Accessible Design

Was ist Accessible Design?

Jesse Schweizer
26/1/2021
Accessible Design

Barrierefreies Design ist auch online wichtig, damit allen Menschen digitale Chancengleichheit geboten wird. Wie dies umgesetzt wird und welche Vorteile daraus resultieren.

Ob Blindenleitsysteme an Bahnhöfen, Bordsteinrampen oder gelben «Knöpfen» an Fussgängerampeln, die Blinden das sichere Kreuzen von Strassen ermöglichen sollen, allerdings oftmals von normal sehfähigen Menschen verzweifelt «gedrückt» werden in der Hoffnung, die Ampel würde somit schneller zu Grün wechseln: Im Alltag ist barrierefreies Design an den allermeisten Orten anzutreffen, um es Menschen mit Behinderungen möglichst einfach zu machen, selbständig von A nach B zu gelangen. Leider kann dies die digitale Welt noch nicht von sich behaupten.

Accessible Design im Alltag. Eine Ampel mit Bildzeichen anstelle von Text, damit auch Menschen, die die Sprache nicht beherrschen, verstehen, dass sie stehen bleiben sollen.

Eine Studie, in der 41 der grössten Schweizer Onlineshops untersucht wurden, ergab, dass nur ein Viertel dieser gut zugänglich für Leute mit Behinderungen sind. 17 wurden als erschwert zugänglich eingestuft und ganze 14 als gar unzugänglich. Doch was ist hier mit «unzugänglich» gemeint? Um das zu verstehen, muss man sich bewusst sein, dass Menschen mit Behinderungen einen Laptop, einen PC oder ein Mobiltelefon nicht auf herkömmliche Art und Weise benutzen können.

Viele sind darauf angewiesen

Motorisch eingeschränkte Personen können eine Maus oftmals nur schlecht oder gar nicht benutzen, und sind zur Navigation auf die Tastatur angewiesen. Andere können auch die Tastatur nicht benutzen, und verwenden assistierende Software, die, im besten Fall, neben allen interaktiven Elementen (Buttons, Links etc.) Nummern anzeigt, damit diese dann via Voice-Command betätigt werden können. Sehbeeinträchtigte sind je nach Schweregrad auf höheren Kontrast oder Screenreader angewiesen. In letzterem Fall entfällt die Navigation wieder auf die Tastatur. Hörbeeinträchtigte sind auf Untertitel und Transkripte angewiesen, um Videos und Audioinhalte zu verstehen. Personen mit schlechten Kenntnissen von Technologie werden schnell verwirrt was die Navigation betrifft, und «verlaufen» sich gerne mal auf einer Webseite oder in einer App. Ich bin mir sicher, viele von euch wurden auch schon von ihren Eltern oder Grosseltern gefragt «Wie bin ich hier gelandet und wie komme ich zurück?». Solchen Personen ist mit einer logischen und simplen Seitenstruktur geholfen.

Beispiel der Farbenblindheit. Viele Menschen nehmen das Farbspektrum verzerrt wahr, weswegen es wichtig ist, die eigene Website mit Farben zu gestalten, die alle unterscheiden können.

Woran liegt es nun, dass ein Grossteil der heutigen Webseiten die internationalen Zugänglichkeitsstandards, die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG), nicht erreichen?

Viele Web-Designer sehen Accessibility immer noch als ein Hindernis, als etwas, das ihre Kreativität zugunsten einer kleinen Randgruppe limitiert und die Qualität des schlussendlichen Designs vermindert. Doch diese Vorstellung könnte nicht ferner von der Realität liegen.

Alle profitieren

Zum einen besteht die vermeintlich kleine Randgruppe laut dem Bundesamt für Statistik aus bis zu 20% der Bevölkerung, zum anderen verbessert ein zugängliches Design die User Experience von allen. Allzu oft geht vergessen, dass jede Person in ihrem Alltag in Situationen geraten kann, in der sie auf Accessibility-Features angewiesen ist. So unterscheidet einen hörbeeinträchtigten User nichts von einem User im ÖV, der keine Kopfhörer dabeihat. Wer an einem sonnigen Tag den Laptop oder das Mobiltelefon im Freien verwendet, der wird sich genauso über ein kontrastreiches Design freuen, wie jemand mit einer Sehschwäche. Wem die Maus kaputt geht, hilft es, wenn durch Accessible Design das Bestellen einer neuen Maus nicht unmöglich gemacht wird.

Es gibt etliche weitere Beispiele solcher temporären Einschränkungen, etwa verletzungs- oder krankheitsbedingte, doch ich denke, das Sentiment ist ersichtlich: Accessibility sollte nicht nur als eine Krücke für Menschen mit Behinderungen angesehen werden, sondern als Mittel, die User Experience konsistent zu halten, unabhängig von äusseren Umständen.

Der Wandel zur Selbstverständlichkeit

Die UX ist aber nicht der einzige Grund, wieso die eigene Webseite die WCAG einhalten sollte: Vielerorts macht Barrierefreiheit im Netz langsam, aber sicher den Wandel von «nice to have» zu einem Grundrecht. Während in den USA schon einige grössere Firmen aufgrund mangelnder Zugänglichkeit erfolgreich vor Gericht gezogen wurden, so ist es in Norwegen gänzlich verboten, eine unzugängliche Webseite zu besitzen.

Auch die Suchmaschinenoptimierung profitiert von Accessibility. Eine logische Seitenstruktur und korrekte Verwendung von Heading-Tags, als auch beschreibende Alternativtexte für Bilder helfen einer Suchmaschine herauszufinden, wie relevant die Seite für einen gegeben Suchbegriff ist, und verbessert somit das Ranking und die Chance, bei einer relevanten Suche weiter oben angezeigt zu werden.

Die nächsten Artikel in dieser Serie werden sich genauer mit den WCAG und der praktischen Umsetzung der wichtigsten Vorschriften befassen.